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Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk

Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk

 

 

Als Bloom zu seiner Penelope zurückkehrt – Molly, die sich nichts anderes ersehnt als die Erfüllung ihrer erotischen Wünsche – und seine Irrfahrt an einem Tag im „Ulysses“ beendet, sagt sie „Ja, ich will, ja.“ Als Bob Dylan am 5. Oktober 2001 in einem irrlichternden Amerika seine Love & Theft-Tour in Spokane im US-Bundesstaat Washington beginnt, sagte er vielleicht „Ja, ich muss.“ Und am nächsten Abend in Seattle sagte er „Tonight I’ll Be Staying Here With You“. Es war der letzte Tag des ablaufenden Ultimatums für den Frieden, und da wir ja alle wissen, so Pi mal Daumen, dass das „ein sehr langer Einsatz“ werden wird „gegen den Terror“, wird es vielleicht mal ein erinnerungswürdiges Datum markieren, so wie einst der Vorabend des 1.9.1939.

Bob Dylan betrat die Bühne der Seattle Arena an jenem Abend wie meistens in letzter Zeit in Schwarz gekleidet; das neue Album war von der einschlägigen Presse einhellig gefeiert worden, die Fans warteten auf die neuen Songs, die Livedebüts, das Besondere an jenem oder diesen Abend, aber jeder wusste, dass es sowieso nicht wie bei den meisten Dylan-Touren der letzten Zeit werden würde. Dazu war das neue Album zu stark, zu vielschichtig und es würden wohl neue Türen aufgestoßen werden: Am 6.10.2001 war man ohnehin angespannt in einem Amerika, in dem die Furcht vor Milzbrandbriefen und dem anstehenden Krieg bei einem gleichermaßen alten wie jungen Publikum genauso in den Köpfen herumgespukt sein dürfte wie die Freude auf Dylan. Ich war nicht in Seattle („Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, was bildest du dir ein“ sangen 1995 die Hamburger Tocotronic auf ihrem ersten Album „Digital ist besser“), aber ich habe einen famosen Mitschnitt des Konzerts gehört. Und so was habe ich eher selten vernommen in letzter Zeit.

 

Zusammen mit seiner bewährten Truppe mit Charlie Sexton, Larry Campbell, David Kemper und Tony Garnier fängt Dylan wie seit Jahren mit einem Traditional an, einer Old-Time-Countrynummer zumeist, gospel-bluesgrassmäßig turboisiert à la Stanley Brothers (mit Ralph Stanley 1997 einen Song, „Lonesome River“ aufgenommen zu haben, bezeichnete Bob stolz wie ein Pfau als den Höhepunkt seiner Karriere) und wie eine ausgesuchte Moritat eines Brecht-Lehrstückes den eigenen Werken vorangestellt. Die gute Coverversion als Aperitif. Diesmal ist es, wie bei etlichen Abenden danach, „Wait For The Light To Shine“, ein Fred Rose-Stück, das auch Hank Williams aufgenommen hat und ein Dutzend anderer Song And Dance Men.

 

Don’t forget your brother as you travel through the land

Wait for the light to shine

He may be in trouble, he may need a helping hand

Wait for the light to shine

Hank Williams hatte auch noch gesungen:

„Never give up hope or cast your pearls before the swine“

Das lässt Dylan weg, aus gutem Grund. Seine Empfehlung „To Ramona“ hat den Mandolinenblues, die Wehmut vergangener Liebe. Sentimentale Freunde würden sich jetzt in die Arme fallen, aber bei „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ hebt die Show ab und kommt erst wieder beim abschließenden „Blowin’ In The Wind“ wieder zurück zur Erde. Keine Zeit mehr für Sentimentalitäten. Die Band in Hochform, der fahrende Sänger ohne Fehl’ und Tadel und die Auswahl der Stücke eine Wohltat. „Tweedle Dee & Tweedle Dum“ wird zur finsteren, im Labor von „Maggies Farm“ künstlich gezeugten Rocknummer umgedeutet, ein vorantreibender R&B, mit einem Fuß auf dem Trittbrett eines dahinbrausenden Güterzuges und mit dem anderen auf einer absinthberauschten Dichterlesung in Rimbauds Paris. Der Trapezkünstler mit neuen surrealen Versen, auf der Platte noch wie ein kleiner Scherz wirkend, plötzlich wie eine einzige böse Satire auf die Zeit implodierend. Wumm!

Der abrupte Schluss im Gegensatz zum Fade-Out der Love & Theft-Version klingt bedrohlich, danach wird ein von Larry Campbells Pedal-Steel wunderbar untermaltes „Tonight I’ll Be Staying Here With You“ zur Freundschaftsbezeugung. Ein Lovesong, klar, zu Nashville Skyline-Zeiten für die geliebte Sara gesungen. Jetzt klingt es wie ein Versprechen Dylans an sein Publikum: „Heute nacht bin ich hier bei euch.“ Und er meint es ernst. Die deutschen Dichter gehen inzwischen lieber zum Kanzler und lassen sich Honig ums Maul schmieren, um zufrieden zu erfahren, dass sie „gelegentlich kritische, manchmal sogar unangenehme Fragen“ stellen dürfen. Wer von diesen Herren Grass und Walser und dem Industrial-Philosophen Sloterdijk also in Zukunft unangenehme Fragen gestellt bekommt, der sollte doch vorsichtig mit seinen Antworten sein und die Haustüre lieber wieder zumachen. Mir hat Bob jedenfalls noch keine unangenehmen Fragen gestellt und ich ihm auch nicht, versteht sich.

Mit dem hochenergetischen „Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again“ von “Blonde On Blonde”, Dylans persönlichem „Ulysses“, sprechen die Gitarren und die Worte purzeln auf das Publikum hernieder wie einst im Mai. Dieses große Geheimnis, wie die Songs selbst nach über fünfunddreißig Jahren auf dem Buckel noch ihren eigenartigen, so ganz und gar dunkel schimmernden Glanz entfalten, als seien sie soeben neu geschaffen worden, wird wohl für immer Dylans Größe definieren.

Moonlight Over Seattle heißt es dann, und die Schmalznummer „Moonlight“ wird zu einem Flehen Dylans, einer so schön dahingehauchten Bitte, das man nicht mehr anders kann, als gleichzeitig zu schmunzeln und zu weinen. Und dann holt er auch noch die Harp raus, die ihm bei Love & Theft offensichtlich einer gestohlen hatte, und scheint uns hinterhältigst einlullen zu wollen mit soviel Lieblichkeit. Eben: „It takes a thief to catch a thief“. Als die ersten Töne von „Masters Of War“ kommen, weiß man, das mit der Lieblichkeit war wieder mal nur eine kleine Täuschung und Täuschungen en masse gibt es ja jetzt zum Schleuderpreis. Schnell ist man „One too many mornings and a thousand miles behind.“: Der Höhepunkt, zumindest des ersten Sets, zusammen mit “A Hard Rain’s A-Gonna Fall“, das an Eindeutigkeit nichts mehr zu wünschen übrig lässt:

 

I heard ten thousand talkers and their tongues were all broken

Das Publikum scheint an jedem Vers zu hängen. „Das schrieb ich, als ich mir sagte, dass ich nicht mehr genug Zeit zum Leben haben würde, als ich nicht wusste, wie viele Songs ich noch schreiben könnte, während der Kuba-Geschichte…..Es geht darin allerdings nicht um atomaren Niederschlag, wie manche Leute meinen. Es ist einfach ein schwerer Regen, nicht einfach der Fallout einer Atombombe, das ist es überhaupt nicht. Der schwere Regen, der herunterkommen wird, ist in der letzten Strophe erklärt, wo ich sage, die ´giftige Flut überschwemmt uns alle`; damit meine ich all die Lügen, die den Leuten vom Radio und von den Zeitungen erzählt werden und ihnen den Verstand wegnehmen sollen; all die Lügen, die ich als Gift ansehe.“ Soviel Bob Dylan selbst zu dem Song, irgendwann in den Sechzigern.

Und genau so trägt er ihn vor, neun Minuten lang, an diesem 6. Oktober im Jahr 2001.

 

 

Mit einem grundfidelen „Country Pie“, einem apokalyptischen “Sugar Baby”, einem höllisch lauten “Wicked Messenger” und einem ausgelassenen „To Be Alone With You“ mit volltrunkener Country-Fiddle geht es in die Endrunde zum ersten Finish, Dylan jongliert mühelos mit Witzen und Possen und Visionen und heimlich zugehauchten Küssen, als gebe es kein Morgen mehr. Wer soviel zu bieten hat, der muss nicht, der will.

Der Zugabenteil ist wie immer der größtmögliche gemeinsame Nenner. „Love Sick“ sind wir alle, „Like A Rolling Stone“ auch, “Forever Young” nicht viele und “Honest With Me“ sind wenige. Und die Antwort auf all den Scheiß kennt nur der Wind, egal, auf welcher Odyssee man sich gerade befindet. So ist das und wer meint, das sei nur ein erfundener Quatsch, der soll das eben tun und sich zum Kanzler begeben. Der sucht händeringend noch ein paar Umfaller.

 

Rolf Bergdolt

 

Hank

 

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