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lieder im schloss

am 6. juli 2012 war ich wieder in bad mergentheim, bob dylan & band, zum zweiten mal nach 1991. über 20 jahre dazwischen. unfaßbar. 1993 hab ich dort neil young mit booker t. & the mgs gesehen, vielleicht eines der besten live-konzerte ever.

es war eine entspannte stimmung an diesem freitagabend, es gab kein gedrängel, keine nervensägen, keine hysterie. es war einfach ein wunderbarer sommerabend, nicht zu heiß, nicht zu kalt, kein regen, keine besoffenen. ein durchwegs gemischtes und interessiertes publikum, von denen die meisten zu wissen schienen, dass hier nicht das achte weltwunder stattfindet, sondern der kurzbesuch eines sonderlings, laut sony-plattenfirma nun 50 years going strong. nun ja, dem kann man nicht widersprechen. der auftritt war das statement von jemand, dem sowieso sämtliche kategorien, regeln und schubladen schon lang nicht mehr gerecht werden. es gibt ja das saublöde wort von den überlebenden im rock’n’roll, allerdings gibt es viel mehr tote. die meisten davon hat dylan auch noch persönlich gekannt. man kann bei hendrix anfangen, über richard manuel und rick danko von the band weitermachen, über jerry garcia meditieren und bei george harrison oder johnny cash einen schlußstrich ziehen. es wird keinen geben. letztes jahr ist jetzt halt auch noch levon helm gestorben. da warens nur noch 2 von der einst „the hawks“ genannten combo, die dylan als „galant knights“ bezeichnet hat, „for standin‘ up behind me“. dasselbe hat er über johnny cash gesagt, „thank you for standin up for me way back when.“
ja, way back when. all diesen kram und all diese jahre und ihre geschichten trägt er mit sich herum wie jemand, der genau weiß wem er was zu verdanken hat, der aber auch genau weiß, wo er sich selber zu verorten hat. dieses archiv an musik, das selbst aus seinen unbekanntesten liedern spricht, ist einmalig. die türen, die sich öffnen, wenn man zwischen all den 50 years – mittlerweile sinds ja schon wieder mehr – hin-und herzappt, kriegt man nie wieder zu. es hat die letzten 10 jahre fast etwas beängstigendes bekommen, mit welcher verve und raffinesse bob dylan beschlossen hat, das musikgeschehen wieder an sich zu reißen, als sei es so selbstverständlich wie busfahren oder wäsche waschen.
wahrscheinlich ist es diese gewöhnlichkeit, diese erdung im hier und jetzt, die ihn zu sogenanntem genialen befähigt. das authentische, auf das sich viele immer gern berufen, hat es für ihn nie gegeben. er war von anfang ein entwurf der vision, der aneignung von fremdem und dessen transzendierung. er wurde als heiliger und held verehrt und als verräter bezeichnet. zu letzterem hat er letztes jahr gemeint: „all those motherfuckers can rot in hell“.
und nein, „tempest“ ist kein meisterwerk wie nun in allen rezensionen stand. als würde man unisono zum papst pilgern. vielleicht amüsiert ihn das. vielleicht auch nicht. morgen, am 28. august, ist der 50te jahrestag der martin luther king-rede. noch einer, an dessen seite er damals jung und unbeschwert und neben joan baez an das gute amerika glaubte. ich denke, dieser glauben ist ihm schon lang abhanden gekommen.
sollte er noch einen haben, dann sucht ihn sein blick im nachthimmel, zwischen skepsis und einer merkwürdigen heiterkeit, die seine konzerte die letzten beiden jahre auszeichnete. es ist kein lautes lachen, auch nicht das des jokermans und des clowns. es scheint, es ist das lachen des propheten, der weiß, dass prophezeiungen auch nur schall und rauch sind. so wie vieles.
die musik bleibt. klar, die texte, die stichworte, das jonglieren mit den eigenen textzeilen.
die theme time radio hour von 2006 bis 2009 war wohl sein größter coup, all diese sendungen mit all diesen liedern, die andere singen. bob dylan moderiert sie wie ein schlawiner und erzählt von e-mails von johnny depp und kochrezepten und gibt den leuten dort draussen kleine tipps fürs überleben. ab und zu werden telefonanrufe von tom waits eingespielt, in denen der über absurdes philosophiert. man begreift, dass es sinnlos ist, darüber nachzudenken, ob das jetzt ernst gemeint oder als witz gedacht ist.

das konzert in bad mergentheim war weder sensationell noch außergewöhnlich. es war einfach nur menschlich, warmherzig und es war eigentlich gar kein konzert. eher sowas wie ein abend unter freiem himmel, der assoziationen, erinnerungen, träume freisetzte. die gospel-jahre. eine episode, ein kapitel unter vielen. der rolling-thunder-irre, der 80er jahre-disco-dylan, der americana-dylan von time out of mind und „love & theft“ – alles nur stationen. „to ramona“ von 1964, eines der letzten lieder aus den folk-jahren: von dylan am klavier so locker und leicht vorgetragen als wäre es nie um sorrow oder watery eyes gegangen. natürlich stimmt das nicht, natürlich bleibt „ballad of a thin man“ die immergleiche horrorshow für jemand, der die welt nicht mehr versteht. man fragt sich: sind das die anderen oder ist man es selbst? der lustigste moment war der, als dylan seiner mundharmonika in „highwater (for charley patton)“ die immergleichen töne entlockte und der haufen hardcore-fans vor der bühne johlend zurückgröhlte als sei man auf der kirmes. drei, viermal wurde das spiel zelebriert. call & response, stop & go.

und danach in den bus. in die nacht, wohin auch immer.

die 20-uhr-nachrichten kommen. ich muss aufhören.
und nun die wettervorhersage.

würde dylan sie vorlesen, würde er nichts von einem harten regen sagen. er würde sagen: heiter bis wolkig und wenn es regnet bleibt zuhause. macht euer ding. so sie er am ende dieser nie endenden konzerte ins publikum schaut und zu sagen scheint:

macht euer ding. ihr seid es, worauf es ankommt. nicht ich.

i am just a song & dance man.

und nun folge auf arte ein film über die mccarthy-ära, während sich die usa für syrien fit machen.
oft scheint es so, als sei die zeit stehen geblieben.
und wenn man hierzulande so rumfährt, ist es sie auch.

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